In unserer heutigen Gesellschaft wollen viele Eltern alles „richtig“ machen: Das Kind soll sicher, erfolgreich, selbstbewusst und glücklich aufwachsen. Doch in dem Bemühen, jede Schwierigkeit vorab zu lösen, jedes Hindernis zu entfernen und das Kind vor allen Risiken zu schützen, geraten manche Eltern in eine Überfürsorglichkeit, den Kindern langfristig schaden kann.
Diese Form der Erziehung hat einen Namen: Helikoptereltern.
Doch was bedeutet das genau? Warum verhalten sich Eltern so? Und welche tiefgreifenden Auswirkungen kann das auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben? In diesem Beitrag schauen wir uns das Thema detailliert an – mit praktischen Impulsen für Eltern und Fachkräfte.
Was bedeutet „Helikoptereltern“?
Der Begriff wurde erstmals in den 1960er-Jahren geprägt und beschreibt Eltern, die ständig „über“ ihren Kindern kreisen wie ein Helikopter. Sie beobachten, kontrollieren, greifen ein, räumen aus dem Weg, entscheiden vor – oft bevor das Kind überhaupt selbst aktiv werden kann.
Typische Merkmale:
- Überwachung: Kinder werden ständig beobachtet, oft auch digital (GPS-Tracker, Überwachung von Chats, Social Media etc.).
- Einmischung: Eltern intervenieren in Konflikten mit Lehrkräften, Trainer:innen oder Gleichaltrigen.
- Kontrolle: Termine, Hobbys und sogar Freundschaften werden organisiert und gesteuert.
- Risikovermeidung: Alles soll möglichst sicher, planbar und „fehlerfrei“ verlaufen.
- Dauerhafte Verfügbarkeit: Eltern stehen rund um die Uhr zur Verfügung, übernehmen selbst einfachste Aufgaben.
Ursachen: Warum werden Eltern zu Helikoptereltern?
Niemand wird als Helikopterelternteil geboren. Das Verhalten entsteht aus einem Mix persönlicher, gesellschaftlicher und psychologischer Faktoren:
1. Angst
Viele Eltern haben (bewusste oder unbewusste) Ängste: vor Verletzungen, Misserfolgen, Ausgrenzung oder emotionalem Leid des Kindes. Die Angst, das Kind könne „scheitern“, lässt sie in jede Situation eingreifen.
2. Perfektionismus und Leistungsdruck.
Erfolg und Leistung sind zentrale gesellschaftliche Werte. Viele Eltern fühlen sich dafür verantwortlich, dass ihr Kind „alles richtig macht“ – oft auch, weil sie selbst unter Druck stehen (Karriere, Vergleich, Social Media).
3. Überidentifikation
Einige Eltern verschmelzen emotional mit dem Kind: Seine Erfolge sind ihre Erfolge, sein Schmerz ihr Schmerz. Die Grenze zwischen elterlichem Schutz und Einmischung verschwimmt.
4. Eigene Kindheitserfahrungen.
Wer in seiner eigenen Kindheit wenig Unterstützung, Kontrolle oder emotionale Nähe erlebt hat, will es oft „besser machen“ – und schießt dabei über das Ziel hinaus.
Auswirkungen: Was macht Helikopterverhalten mit Kindern?
Auf den ersten Blick scheint das Verhalten fürsorglich. Doch langfristig kann es sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken.
1. Geringes Selbstvertrauen.
Kinder, denen wenig zugetraut wird, lernen: „Ich kann das nicht allein. Ich brauche immer Hilfe.“ Sie entwickeln Unsicherheiten im Umgang mit Herausforderungen.
2. Fehlende Selbstständigkeit.
Eigene Entscheidungen treffen? Konflikte lösen? Verantwortung übernehmen? Das bleibt schwierig, wenn Kinder es nie üben dürfen. Selbst im jungen Erwachsenenalter kann das zu Überforderung führen.
3. Angst vor Fehlern.
Wenn Eltern Fehler als etwas Negatives darstellen, entstehen bei Kindern Versagensängste und Vermeidungsverhalten. Sie streben nach Perfektion – oft um jeden Preis.
4. Geringe Frustrationstoleranz.
Kinder, die immer behütet werden, sind weniger widerstandsfähig. Schon kleine Rückschläge können sie aus der Bahn werfen – weil sie nie gelernt haben, mit Enttäuschung oder Misserfolg umzugehen.
5. Abhängigkeit von außen.
Wenn Kinder darauf konditioniert werden, dass Eltern alles regeln, fällt es schwer, eigene Entscheidungen zu treffen – sei es in Beziehungen, Schule, Beruf oder im Alltag.
6. Beziehungsprobleme.
Ein überkontrolliertes Kind kann sich irgendwann abgrenzen – mit Wut, Rückzug oder Rebellion. In der Pubertät kann das zu massiven Konflikten führen.
Wie kann man aus dem Helikopterverhalten aussteigen?
Die gute Nachricht: Eltern können ihr Verhalten reflektieren und verändern – mit Geduld, Selbstfürsorge und Vertrauen. Hier einige Ansätze:
1. Selbstreflexion: Warum handle ich so?
Fragen wie:
- Was macht mir Angst?
- Woher kenne ich dieses Verhalten – vielleicht aus meiner eigenen Kindheit?
- Habe ich das Gefühl, die Verantwortung für mein Kind allein tragen zu müssen?
Diese Fragen helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen – und mitfühlend zu hinterfragen.
2. Loslassen lernen – schrittweise.
Nicht alles auf einmal verändern. Stattdessen kleine Schritte:
- Das Kind alleine zum Bäcker schicken
- Hausaufgaben selbstständig erledigen lassen – ohne Kontrolle
- Es Konflikte (altersgemäß) selbst lösen lassen
3. Fehler als Lernchance sehen.
Fehler sind normal – sogar wichtig. Sie fördern Problemlösefähigkeit, Selbstvertrauen und Resilienz.
Tipp: Sage deinem Kind öfter: „Du darfst Fehler machen. Ich vertraue dir.“
4. Verantwortung altersgerecht abgeben
Schon kleine Kinder können lernen, Aufgaben zu übernehmen – vom Zähneputzen bis zum Umgang mit Taschengeld.
Jugendliche brauchen Freiräume: eigene Entscheidungen, eigene Konsequenzen.
5. Sich selbst entlasten
Helikopterverhalten ist auch ein Ausdruck von Überlastung. Eltern dürfen sich erlauben:
- Nein zu sagen
- Nicht perfekt zu sein
- Hilfe anzunehmen (z. B. durch Coaching, Elternberatung, Austauschgruppen)
Vertrauen statt Kontrolle.
Helikopterverhalten entsteht aus Liebe – aber es kann die Entwicklung von Kindern bremsen. Wer Kinder stark machen will, muss nicht alles absichern, sondern Vertrauen schenken:
- Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes
- Vertrauen in den Entwicklungsprozess
- Vertrauen in die eigene Elternkompetenz
Erziehung bedeutet nicht, die Richtung vorzugeben – sondern einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Kinder sich entfalten, scheitern, wachsen und ihren eigenen Weg gehen können.
Petra Kuth
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